Reisende nutzen Amiens für eine Zwischenübernachtung auf dem Weg in die Normandie oder Bretagne. Eine gute Wahl, aber auch während eines mehrtägigen Aufenthaltes kommt keine Langweile auf
Wir besuchen Amiens an einem Samstag im Mai. Ich wünsche mir ein paar Grad mehr, für einen Maitag finde ich es etwas kühl, doch der Stimmung in den Straßen verpasst das keinen Abbruch. Im Gegenteil: In den Geschäften, an den Wochenmarktständen und in den Straßen der Innenstadt herrscht entspannte Betriebsamkeit. Im Norden Frankreichs ist man Wolken gewöhnt.
Auf zum Stadtbummel
Schon in der ersten Seitenstraße verleitet mich das Schaufenster des Lädchens Les Cuisins de Léon dazu einzutreten. Ich entdecke zwei grüne Tassen, die sich schön ergänzen und auch ihre gerade Form gefällt mir gut.


Auf wenigen Quadratmetern bietet es viele nette Dinge für den Haushalt und Wohnen. Hier lässt es sich in Ruhe stöbern – und aufwärmen.
Im nächsten Schaufenster liegt französischer Käse in allen Formen und Texturen aus. Beim bloßen Anblick läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Wie das nicht anders zu erwarten ist in Frankreich, stehen vor der Theke viele Kunden.

Wir gehen weiter Richtung Fußgängerzone, wo wir unseren Bummel an den Schaufenstern vorbei und durch die Geschäfte fortsetzen, unter anderem durch das Kaufhaus Galeries Lafayette.

Mittlerweile ist der Himmel etwas aufgerissen und die Sonne scheint; es fühlt sich schon mehr wie Frühling an.
Von allen Seiten zu sehen: die Kathedrale von Amiens
Amiens war die Hauptstadt der Picardie. Jene Region, über die es, wenn ich es richtig überblicke, als einzige keinen gesonderten Reiseführer gibt. Immerhin war sie 2008 durch den Kinofilm Willkommen bei den Sch’tis in aller Munde.
Mittlerweile sind wir an der Kathedrale angekommen. Wir setzen uns auf die Stufen gegenüber und machen eine kleine Pause. Auf dem Vorplatz ist nichts los, nur eine Handvoll Menschen quert den Platz. Dennoch spricht ein Mann auf einer Bühne tapfer ins Mikrofon. Keiner der wenigen Passanten hält an und hört zu.

Die gotische Kathedrale gilt als die größte fertiggestellte Kathedrale Frankreichs. Wir werden sie auf unserem ausgedehnten Bummel noch aus vielen verschiedenen Richtungen sehen. Mal kommt die Hauptfassade mit den zwei Türmen an den Seiten zum Vorschein, mal das Portal an einer der Längsseite – selbst als wir am nächsten Tag die Somme flussaufwärts entlang spazieren.




Ich kenne keine andere Stadt, in der die Kathedrale so oft zu sehen ist.
Seltene Bauweise: Ziegelsteinbauten
Nicht nur die Kathedrale, sondern auch die aus Ziegelsteinen gebauten Wohnhäuser unterscheiden Amiens von den meisten anderen französischen Städten. Es gibt ganze Straßenzüge in dieser Bauweise und mal sind die Steine rot, mal gelblich oder beige.

Die Fassaden sind sehr vielgestaltig: Oft sind Fenster und Türen von einem hellem Kalkstein umrahmt oder sonstwie verziert. An manchen Fenstern sind die typisch französischen Holz-Fensterläden angebracht. Die Vielfalt der Hausfassaden ist enorm.

Häuser aus Ziegelstein gibt es, außer in einigen wenigen Sprenkeln im Landesinneren, gehäuft nur hier im Nordosten und in der Region um Toulouse. Ich freue mich darüber, denn ich habe eine Schwäche für Ziegelsteinbauten.
Der Schriftsteller, der es vorzog in Amiens zu wohnen und Paris den Rücken kehrte
Am Nachmittag besichtigen wir das Wohnhaus von Jules Verne an der Ecke Rue Charles Dubois/Boulevard Jules Verne, in dem er 18 Jahre lang lebte.


Wir starten den Rundgang im hellen Wintergarten.

Der Autor des Buches In 80 Tagen um die Welt zog vom weltstädtischen Paris ins ruhige Amiens, wo er sich im Stadtrat engagierte.

Klein und familiär: das Stadtviertel Saint-Leu
Zum Abendessen überqueren wir die Somme unterhalb der Kathedrale, um in das Viertel Saint-Leu zu gelangen.

Die Gassen mit Kopfsteinpflaster und vielen kleinen Wohnhäusern wirkt familiär.

Am Quai Belu reiht sich ein Restaurant ans andere, mit Terrassen direkt an der Somme. Kein Wunder, dass sie voller Gäste sind.

Uns herrscht hier zu viel Rummel. Wir entscheiden uns für die Creperie Le Dos D’Âne, die etwas abseits liegt und wo wir die Qual der Wahl haben, draußen zu sitzen mit Blick auf die Somme oder in dem hellen, freundlichen Lokal Platz zu nehmen. Beides sehr schön.

Wir bestellen das „Menu de Terroir“, das neben Pastete aus der Picardie auch Ficelle Picarde umfasst: gehaltvolle Pfannkuchen, die mit Crème fraîche, Champignons und gekochtem Schinken gefüllt und mit einer dicken Schicht Käse überbacken sind.
Der Star am Stadtrand
Am nächsten Tag machen wir uns auf zu den Les Hortillonnages, den Gärten am Stadtrand, die von Kanälen der Somme durchzogen werden. Man kann die Hortillonnages zu Fuß oder mit dem Boot erkunden. Wir haben Glück und ergattern zwei Plätze in einem flachen Kahn, der elektrisch angetrieben wird. Mit uns im Boot sitzen neben dem Bootsführer zwei französische Ehepaare.



Einst bauten die Menschen in den Gartenparzellen Gemüse im großen Stil an. Heute nutzen sie die Parzellen überwiegend als Schrebergärten, Gemüse bauen nur noch wenige an.

Leider verstehe ich den Bootsführer gar nicht und so bleibt uns, die Fahrt einfach so zu genießen, ohne etwas über die Gärten zu erfahren.

Die Fahrt zu genießen, ist kein Problem: Der Kahn gleitet lautlos durch das viele Grün an den Schrebergärten vorbei. Außer den Erzählungen des Bootsführers und den Fragen des Ehepaares ist es ruhig auf dem Wasser. Circa 45 Minuten dauert die abwechslungsreiche Fahrt.
Das Boot fährt manchmal in schmale Kanäle hinein.


Teilweise schließen sich die Bäume und Sträucher auf beiden Seiten zu einem hellgrünen Dach zusammen. So muss sich eine Fahrt durch den Spreewald anfühlen. Ein anderes Mal weitet sich das Wasser und man bekommt Lust, hineinzuspringen und eine Runde unter freiem Himmel zu schwimmen.

Seit 2010 wird einmal jährlich für mehrere Monate das Festival International des Jardins – Hortillonnages Amiens begangen. Landschaftsarchitekten, Künstler und Architekten werden dann eingeladen, ein Kunstwerk beizusteuern, das unter anderem auf Biodiversität, fragile Ökosysteme und nachhaltige Entwicklung eingehen sollen.

Spaziergang entlang der Somme
Nach der Bootsfahrt schlendern wir gemütlich an der Somme entlang. Zu unserer Rechten stehen fesche Häuschen, die vermutlich als Ferienhäuser genutzt werden.





Auf dem Rückweg kehren wir zu einem Drink unter freiem Himmel ein.

Das Sitzen in den niedrigen Korbmöbeln macht träge, aber es ist wunderbar, von ihnen aus die anderen Gäste zu beobachten.
Wir rappeln uns irgendwann auf und finden ganz in der Nähe der Kathedrale vor dem netten Restaurant La Table Saint Firmin einen Tisch unter freiem Himmel zum Mittagessen. Bevor wir noch das Musée de Picardie besuchen, stärken wir uns ein bisschen.
Unser Resumée
Wir haben zwei Tage in Amiens verbracht. Was wir an diesen beiden Tagen gesehen haben, war sehr viel (ich habe nicht alles hier erwähnt). Das Programm ließe sich ohne weiteres auf drei Tage verteilen, zum Beispiel der Besuch des Musée de Picardie. Das Museum lohnt sich im wahrsten Sinne des Wortes rundherum: Neben der Gemäldesammlung gibt es eine Skulpturenausstellung sowie interessante Wechselausstellungen zu sehen. Der Museumsbau ist dem Pariser Louvre nachempfunden. Rings um das Museum herum wurden moderne, üppige Grünanlagen angelegt, die jeden beflügeln dürften, der einen Hang zu Stadtbegrünung hat.







Wir meinen: Zur Durchreise ist Amiens viel zu schade.
Wer mehr lesen möchte …
Zweimal im Jahr, im April und Oktober, veranstaltet die Stadt den großen Flohmarkt Grande Réderie d’Amiens. Verkäufer breiten auf ca. 15 Kilometer Bürgersteig ihr Gerümpel aus. Da in der Regel beide Seiten der Straßen mit Verkaufsständen belegt sind, beträgt die gesamte Länge des Flohmarkts keine 15 Kilometer, sondern vermutlich etwas um die Hälfte. Ich jedenfalls bin fündig geworden und freue mich seitdem über eine schöne Kuchenplatte, die zunächst zehn Euro kosten sollte. Als ich die Verkäuferin fragte „sept euro?“ und sie sofort strahlend einwilligte, wurde mir klar, dass ich noch mehr hätte feilschen können.





Tipps & Links
Aktiv unterwegs
NO 1: Die offizielle Website von Amiens findet man hier.
NO 2: Das Jules Verne-Haus liegt etwas abseits vom Zentrum, ist zu Fuß aber dennoch gut zu erreichen.
NO 3: Les Hortillonnages: Die Vereinigung Association pour la Protection et la Sauvergarde des Hortillonnages bietet eine Website über die Hortillinnages an. Wer sich für das jährliche Festival interessiert, findet hier Informationen dazu.
NO 4: Es gibt mehrere Anbieter für Bootstouren durch die Hortillonnages, aber es ist mühsam, sich im Internet einen Überblick über Zeiten, Ablegeorte und Anbieter zu verschaffen. Am besten informiert man sich in der guten, alten Touristeninformation an der Kathedrale (Place Notre Dame
23). Ich empfehle Les Hortillonnages et vous, die Touren mit lautlosen, flachen Elektrobooten durchführen. Die Website ist etwas gewöhnungsbedürftig, etwas scrollen und man kommt zu der Tarif- und Buchungsübersicht.
NO 5: Neben den Dauerausstellungen des Musée de Picardie gibt es auch interessante Wechselausstellungen.
NO 5: Amiens veranstaltet zwei verschiedene Flohmärkte. Unweit der Kathedrale findet ein kleiner jede Woche Samstag statt. Ich erwähnte jedoch den großen Flohmarkt Grande Réderie d’Amiens.
Essen & trinken
NO 6: Die Creperie Le Dos d’Âne liegt an der Ecke, aber etwas abseits von den vielen Restaurants am Quai Belu.
NO 7: La table Saint Firmin ist ein nettes, kleines Restaurant in der Rue de Dusevel 24 in der Nähe der Kathedrale. Die Website lohnt sich nicht, aber die Öffnungszeiten gehen daraus hervor.
NO 8: Direkt in Sichtweite, in der Rue de Dusevel 13, befindet sich die Bäckerei La Mie Bio d’ici, die auch warme Gerichte serviert. Innen nimmt man auf Plüschmobiliar Platz, das an die 80er Jahre erinnert, außen blickt man direkt auf die Kathedrale. Es gibt keine Website.
NO 9: Ôjardin Amiens ist ein Restaurant an der Somme. Schöne Plätze innen wie außen. Ideal für die Einkehr nach einer Bootstour durch die Hortillonnages und/oder einem Spaziergang entlang der Somme. Chemin de Halage 57.
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